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Die subversiven Machenschaften der Gentechniker

Wie Lobbyisten mit Steuergeldern gemästet werden und was hinter ihren Aktivitäten steckt

Interview mit dem Aktivisten Jörg Bergstedt (JB), aufgezeichnet 03/2011 von Michael Leitner (ML)

Joerg_Bergstedt_Agro_Gentechnik_Monsanto_gentechnisch_veraendertJörg Bergstedt ist Vollzeitaktivist und recherchiert dabei Fakten, die ihn bei der Agro-Gentechnikindustrie unbeliebt machen. Es geht ihm dabei weniger um ethische oder biologische Motive, sondern um selbstbestimmtes Leben: Er ist dagegen, dass Konzerne und private Interessen die Rahmenbedigungen, in denen wir leben, diktieren und negativ beeinflussen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Recherchen und Aktionen gegen die Gen-Mafia. Wegen des Zerstörens eines gentechnischen Versuchsfeldes wurde er im Herbst 2011 eingeknastet.

In der Haft vollendete er sein Buch über die Seilschaften, die in Deutschland versuchen, genetisch veränderte Pflanzen zu einer sich unkontrolliert ausbreitenden Realität zu machen. Es heißt „Monsanto auf Deutsch“ (ISBN 978-3-86747-043-8). Das Buch ist im SeitenHieb-Verlag erschienen und kann über den Buchhandel, den Verlag und in der Projektwerkstatt, Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen (www.aktionsversand.de.vu) bezogen werden. Frisch auf dem Knast (Anm.: Haft dauerte vom 23.9.2010 bis 22.3.2011) entlassen führte Michael Leitner ein Interview mit ihn.

ML: Jörg, vor ein paar Tagen bist Du aus dem Gefängnis entlassen worden. 6 Monate Knast, wegen des Zerstörens einiger gentechnisch manipulierter Gerste-Pflanzen ist recht happig!

JB: Es ist in der Tat erstaunlich! 2006 haben wir mit mehreren Leuten das Versuchsfeld mit Gen-Gerste der Uni Gießen befreit, soweit uns das möglich war.

ML: „Befreien“ heißt für Euch, Anbauflächen von den gentechnisch veränderten Pflanzen (gv-Pflanzen) zu befreien, indem ihr sie zerstört. Das ist, obschon durchaus verständlich, immerhin Sachbeschädigung!

JB: Das genetisch veränderte Pflanzen ihr Erbgut massiv in die Umwelt ausstreuen und somit das Erbgut traditioneller Pflanzen verdrängen oder verunreinigen, ist ebenfalls Sachbeschädigung, nur auf einer wesentlich globaleren Ebene. Gentechnik zu verhindern, wo immer es möglich ist, halte ich für Notwehr. Außerdem bin ich von allen vier Leuten, die angeklagt wurden, der einzige, der eingeknastet wurde. Das zeigt, dass es beim Prozess nicht darum ging, die Sachbeschädigung zu bestrafen.

Polizeipraesenz_Polizeiaufgebot_Staatsmacht_Machtapparat_Polizei_Geleitschutz_Polizeigewalt_EinschuechterungML: Ich habe Dein Buch gelesen, ich habe Deinen Gen-Seilschaften-Vortrag gesehen. Unter den 4 Festgenommenen bist Du sicherlich derjenige, der für die Gen-Lobby am lästigsten ist!

JB: Der eigentliche Skandal an der Sache ist, dass in der Verurteilung die Frage, ob die Versuchsfelder der Uni Gießen überhaupt vorschriftsmäßig angelegt waren und somit ihre Existenz rechtens war, total ausgeklammert wurde. Es geht hier u.a. um Zäune und Netze, die verhindern sollen, dass beispielsweise Vögel oder Insekten die Samen der Genpflanzen fressen und so für ihre Verbreitung außerhalb des Versuchsfeldes sorgen.

ML: In einem anderen Verfahren, das ich hier mal kurz erwähnen möchte, hat die Genehmigungsbehörde ein Genfeld im Nachhinein abgesegnet, obwohl der so genannte Mäuseschutzzaun, der laut Gesetz Kleinsäuger abhalten muss, viel zu grobmaschig war.

JB: Richtig. Die Behörde hat einen Mäuseschutzzaun, durch den selbst sehr fette Mäuse locker durch eine einzige Masche schlüpfen können, dadurch legalisiert, dass kleine Maschenweiten allein auch nicht helfen würden. Mit gleicher Begründung wurden auch bei anderen Genfeldern identische, wirkungslose Schutzvorrichtungen toleriert. Behördenlogik ist also: Ein Mäuseschutzzaun, der kein Mäuseschutzzaun ist, ist doch einer, wenn ein anderer auch keiner ist!

ML: Gehen wir mal von kleinen Richtern und weißen Mäusen zu mehr oder weniger großen Ministern. Wir haben ja in den letzten 13 Jahren mehrere Regierungswechsel gehabt, unter Schröder war sogar die Grüne Renate Künast Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMELV). Inwiefern hat denn Künast als Ministerin das offizielle Parteiprogramm der Grünen hinsichtlich Gentechnik umgesetzt?

JB: Gar nicht. Zuständig für die Genehmigung von Genfeld-Versuchen ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Landwirtschaft (BVL), das zum BMELV gehört. Egal unter welchem Minister – das Amt hatte bei Anträgen zu Genversuchen, auch zu Freilandversuchen, stets eine Genehmigungsquote von 100%. Definitiv auch unter Künast.

Gentechnik_Gentechnikkritik_Agro_Monsanto_auf_deutsch_Joerg_Bergstedt_Organisierte_Unverantwortlichkeit_Seitenhieb_Verlag_Projektwerkstatt_Seilschaften_Widerstandscamp_GendreckML: Wenn Wahlen etwas verändern könnten, wären sie auch verboten. Andrea Fischer von den Grünen war ja unter Schröder Gesundheitsministerin und arbeitet heute als Pharmalobbyistin. Woher kommt diese 100%-Quote bei Genehmigungen des BVL?

JB: Die Quote von 100% ist natürlich kein Zufall. Chef des BVL war die ganze Zeit Dr. Hans-Jörg Buhk. Der hielt auf Messen gern flammende Reden für Agro-Gentechnik und trat sogar, neben seiner Tätigkeit als obersten Verbraucherschützer des BVL, in einem Werbefilm der Gentech-Branche auf, wo er für Genmais warb. Nebenbei ist er Mitglied in diversen Gentech-Lobbyverbänden. Und er hat  ein Manifest unterzeichnet, das fordert, die Kontrollen in der Gentechnik sehr weit zu reduzieren. Mit anderen Worten: Er findet seinen Job als Verbraucherschützer eigentlich total überflüssig! Sein Stellvertreter Detlev Bartsch ist auch nicht besser, denn er tritt in dem gleichen Werbefilm auf, wie Buhk.

ML: Bist Du eigentlich der einzige Rechercheur, dem das mal aufgefallen ist?

JB: Nein, aber schon der einzige, der den direkten und öffentlichen Konflikt sucht. Das TV-Magazin Report hat vor vielen Jahren – übrigens zu Künast-Zeiten – mal über das BVL berichtet. Es gibt einzelne Texte oder auch die kritische, von den Grünen bezahlte Studie „Kontrolle oder Kollaboration?“. Und es gibt gut begründete Dienstaufsichtsbeschwerden. Passiert ist rein gar nichts.

Interessant ist auch die Zentrale Kommission für Biologische Sicherheit, ZKBS. Deren Mitglieder werden ebenfalls vom BMELV berufen. Lustig an dem Club ist, dass ihm auch Versuchsleiter von aktuellen oder geplanten Genfeldern angehören. Die Herren und wenigen Damen dürfen dann abstimmen, ob ihre eigenen Versuche nun gefährlich sind oder nicht. Durchwinkquote auch hier 100%, und zwar durch einstimmige Abstimmungen. Wir haben bei allen Akteneinsichten, die alles andere als leicht umzusetzen waren, noch nie eine Enthaltung oder eine Gegenstimme gefunden.

Feldbefreiung_Gentechnik_Gentechnikkritik_Agrogen_Monsanto_Joerg_Bergstedt_gentechnisch_Gentechniker_Gentechnikindustrie_Genpflanzen_Erbgut_LandwirtschaftML: Die meisten Genversuche in Deutschland werden als Sicherheitsforschung bezeichnet. Das klingt doch erstmal treu und redlich!

JB: Gentechnisch veränderte Pflanzen (gv-Pflanzen) streuen ihr manipuliertes Erbgut massiv, das ist durch zahlreiche Beobachtungen nachgewiesen und wird auch von den BefürworterInnen nicht mehr bestritten. Sicherheitsforschung, wo gv-Pflanzen quasi mit dem Segen der Regierung die Lizenz zum Kontaminieren gegeben wird, ist von vornherein eine Pervertierung des Wortes „Sicherheitsforschung“.

Übertragen wir das mal auf die Kernenergie: Jeder weiß, dass Plutonium extrem giftig ist. Würde man die Sicherheitsforschung bei Gentechnik auf die Kernenergie übertragen, dann wüsste man bereits vorher, dass Plutonium extrem giftig ist, würde es aber trotzdem immer wieder versuchsweise freisetzen, um nachzuprüfen, ob das auch wirklich stimmt.

ML: Sicherheitsforschung lohnt sich außerdem …

JB: .. und zwar gewaltig! Egal, was man auf seinen Genfeldern dann tatsächlich macht: Deklariert man es als „Sicherheitsforschung“,  dann bekommt man Fördergelder von Seiten der Regierung.

ML: Das Kontaminieren des Genpools unserer Nutzpflanzen wird also staatlich subventioniert?

JB: Ja, und zwar in heftigem Ausmaß. Wir haben in Deutschland ja eine Hand voll Saatgutbanken, in denen jeweils bestimmte Sorten von Saatgut lagern, die alle paar Jahre ausgesät werden müssen, um frisches Saatgut zu produzieren. Saatgutbanken sind wichtig, unter anderem für den Erhalt der ursprünglichen Vielfalt an Arten, Sorten, Linien. Es ist nun immer wieder zu beobachten, dass in unmittelbarer Nähe zu Saatgutbanken „Sicherheitsforschung“ zu genau den Pflanzenarten betrieben wird, die in den Saatgutbanken gerade ausgesät werden.

Kartoffel_GentechnikML: Klingt nach einem abgekarteten Spiel. Es wird also ganz gezielt die Arbeit der Saatgutbanken zerstört, subventioniert von Steuergeldern. Eigentlich unfassbar, aber die von Dir zusammengetragenen Fakten lassen keine andere Schlussfolgerung zu.

JB:  Wenn es ist die gleiche Leuten sind, die einerseits forschen, andererseits genehmigen oder Fördergelder bewilligen und dann auch noch in Überwachungsgremien sitzen, dann gibt es da erfahrungsgemäß wenig Reibungspunkte.

ML: Nenn‘ mal ein Beispiel.

JB: Ich kann da mehrere nennen und möchte mit Joachim Schiemann anfangen. Der arbeitet für das Julius-Kühn-Institut (JKI), dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen. Genauer gesagt, ist er dort Leiter des Instituts für Sicherheit in der Gentechnik bei Pflanzen. Er berät als Leiter des Instituts sowohl Bundesregierung als auch EU-Kommission. Gleichzeitig entwickelte er, quasi nebenbei, gentechnisch manipulierte Pflanzen und führt Versuche mit ihnen durch. Dafür gründete er, nachdem gegen seine Versuche im JKI Bedenken entstanden, mit anderen Genbastlern als Deckmantel einen „gemeinnützigen“ Verein namens FINAB e.V.. Zusammen mit Genlobbyisten wie Kerstin Schmidt gibt Schiemann gemeinsame Schriften heraus.

Und nebenbei ist Schiemann Treuhänder des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie, das mit der Entwicklung von gv-Pflanzen Geld verdient. Am 6.6. 2009 war er Hauptredner zum Tag der offenen Tür in der Genversuchsanstalt in Gatersleben. Ich nehme mal an, das klingt nicht grad so, als würde er Regierung und Kommission objektiv beraten können, oder?

ML: Lass mich überlegen. Hm …. nein, nicht wirklich. Eine unrühmliche Rolle bei der Agro-Gentechnik spielt die Uni Rostock. Die gibt sich modern, man hat dort keine Berührungsängste mit der Industrie. Wahrscheinlich hält genau deshalb Prof. Dr. Inge Broer, Inhaberin des Rostocker Lehrstuhls für Agrarbiotechnologie, auch Anteile am Firmenverbund BioOK?

JB: Nicht nur sie, vier andere Mitglieder des universitären Lehrkörpers halten ebenso GmbH-Anteile.

Joerg_Bergstedt_Seilschaften_der_Agro_Gentechnik_zwischen_Firmen_Beboerden_Lobbyverbaenden_Forschung_Monsanto_Projektwerkstatt_Seitenhieb_Verlag_GentechnikkritikerML: Inge Broer ist ja eine vielseitige Person, wie Du in Deinem Buch „Monsanto auf Deutsch“ schreibst. Mitglied in wissenschaftlichen Beiräten von Ministerien, Mitglied in Arbeitsgruppen von Bundesämtern, Vorsitzende von Vereinen wie FINAB, die in Wirklichkeit ein Staubsauger für staatliche Subvenstionen im Auftrag von Lobbyisten ist. Außerdem Gutachterin einer Stiftung, Leiterin einer Arbeitsgruppe des Umweltministeriums Mecklenburg-Vorpommern, Sprecherin der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Mitglied des runden Tisches „Gentechnik“ von Ministerin Schavan.  Außerdem Inhaberin von neun Patenten, die meisten davon bei BAYER. Alles Tätigkeiten, die etwas mit Genmanipulation zu tun haben. Und natürlich Gesellschafterin bei BioOK. Klar, das sind dann sehr kurze Dienstwege zwischen Forschung, Genehmigung und Freisetzung von gv-Pflanzen!

JB: Die kürzesten Dienstwege, die es gibt: Ein Impuls von Synapse zu Synapse genügt und ZACK! ist der Antrag gleichzeitig formuliert, finanziert und genehmigt. Forschung, Kontrolle, Finanzierung und Durchführung aus einer Hand. So unkompliziert ist deutsche Forschung seit dem Nationalsozialismus nicht mehr gewesen!

ML: Was bedeutet eigentlich das „OK“ in BioOK?

JB: Ich weiß es nicht. Am passendsten wäre ja, wenn es für „Organisierte Kriminalität“ stünde. Interessant dabei ist, dass das Julius-Kühn-Institut zunächst ebenfalls als Teil des Firmenverbundes BioOK auftauchte, 2010 dann aber plötzlich aus der Liste der beteiligten Firmen verschwand. BioOK wurde übrigens vom Bundesforschungsminister  mit 4,3 Millionen als Aufbauhilfe gemästet. Dazu kommen noch Zuschüsse für einzelne Projekte, die jeweils zwischen 200.000 und 800.000 € liegen dürften.

Schaut man mal nach, wer hinter den Firmen steckt, die sich unter dem Namen BioOK zusammengeschlossen haben, dann stößt man zum einem immer wieder auf Namen vom Lehrkörper der Uni Rostock. Daneben fällt eine andere Person auf, Kerstin Schmidt. Die hat nichts in Richtung Biologie oder ähnliches studiert, sie ist studierte Mathematikerin. Und Chefin gleich mehrerer Firmen, die „zufällig“ alle die gleiche Anschrift haben: Thünenplatz 1 in Groß-Lüsewitz. Wobei sich Schmidts dortige Firmen ein Faxgerät teilen müssen, während sie zumindest beim Telefon verschiedene Durchwahlen haben. Schon etwas ungewöhnlich, dass sich mehrere Firmen einen Hauptanschluss fürs Telefon so friedlich teilen!

Mais_Genmais_Monssanto_Monsantod_gentechnisch_veraendert_1507_Gentechnik_Enzym_Phoshinothricin_cetyltransferase_Dupont_Pioneer_Risikobewertung_Herbizidtoleranz_ResistenzmonitoringML: Das Gute daran ist doch, dass die Steuergelder, die in Schmidts Firmengeflecht fließen, immerhin nicht für im Ausland produzierte Faxgeräte ausgegeben werden! Kerstin Schmidt scheint sowieso ein sparsamer Mensch zu sein. Am alten Sitz ihrer Firmen in Rostock in der Schnickmannstraße teilten sich alle friedlich einen Briefkasten (Foto!) Und ich dachte immer, Briefkastenfirmen gäbe es nur in Liechtenstein oder auf obskuren Inseln in der Südsee! Aber anscheinend reichen die 4,3 Millionen Fördergeld zwar für mehrere Telefone, aber nur für ein Faxgerät und einen einzigen Briefkasten. Sind das tatsächlich alles kleine Firmen oder steckt da ein Global Player der Gen-Branche dahinter?

JB: Wenn man mal versucht auf ein Genfeld einer kleinen Firma zu gelangen und vom Werkschutz daran gehindert wird, kann man die Jungs ja fragen, wer sie bezahlt!

ML: Klingt so, als hättest Du das schon mal gemacht.

JB: Der Auftrag an die Sicherheitsfirma kam von BASF.

ML: Anscheinend ist der Konkurrenzkampf in der Branche überschaubar!

JB: Zumindest haben sie gemeinsame Interessen. Monsanto Deutschland sitzt in Düsseldorf. Meist lassen sie sich vor Gericht durch den ortsansässigen Anwalt Hartwig Stiebler vertreten. Er hat aber auch schon für 2 Firmen gearbeitet, die von Kerstin Schmidt geleitet werden.

ML: Die Verbraucher sind sich ja einig: Nur 6% wollen Gentechnik auf dem Teller haben. Gibt es denn nicht irgendeinen Punkt, wo das von der Politik berücksichtigt wird?

JB: Nein. Schauen wir uns mal den BioÖkonomieRat an, der von Anette Schavan ins Leben gerufen wurde. Der soll entwerfen, wie es langfristig mit der Agro-Gentechnik weitergehen soll. Da sitzt nicht mal ein Quotenkritiker drin. Wenn Du mir auch nur ein leicht unabhängiges Mitglied dieses Rates nennen kannst, werde ich einen Monat lang nur Genmais und Soja von Monsanto fressen!

ML: Aber immerhin arbeiten die Ratsmitglieder ja ehrenamtlich!

Lobbykraft Nein DankeG72JB: Wenn Du das „Arbeit“ nennen willst, die eigenen Interessen unter offiziellem Design zu verbreiten, dann schon. Tatsächlich sitzen im Rat schlicht die bezahlten Mitarbeiter der Firmen und Lobbyverbände, deren Interessen sie im Rat vertreten.

ML: Worum geht es den Lobbyisten eigentlich, was ist ihr Ziel?

JB: Sie wollen, dass alles, was auf den Teller kommt, aus patentrechtlich geschützten Produkten stammt.  Sie wollen die komplette Kontrolle über den gesamten Produktionsprozess unserer Nahrung und am besten gleich an mehreren Stellen des Systems mitverdienen. Der freie Landwirt – ohnehin ja mehr Legende als Realität – soll abgeschafft werden und zum Lizenznehmer oder gleich Lohnarbeiter mutieren. Und der hinterhältigste Weg dorthin ist, wenn patentierte Genpflanzen ihr Erbgut so ausgestreut haben, dass es sich durch unkontrollierte Auskreuzung unter das Saatgut konventioneller Pflanzen mischt. So machen sie sie die angebliche Wahlfreiheit des Konsumenten zwischen konventionellen und gv-Pflanzen zu einer Farce.

Jeder Bauer, der sein eigenes Saatgut produziert, würde durch die Auskreuzung ihre Patentrechte verletzen, weil eben auch ein paar Anteile gv-Pflanzen darunter sind. Durch entsprechende Prozesse kann man dann jeden Landwirt, der sein Saatgut nicht brav bei der Gendreck-Industrie einkauft, ruinieren. Nicht nur der schon benannte Anwalt aus Düsseldorf würde solche Fälle sicher gerne vor Gericht bringen!

ML: Es gab ja die von Dir genannten Bemühungen, die Machenschaften der Gen-Mafia aufzudecken. Andreas Bauer vom Umweltinstitut München hat Arbeiten veröffentlicht, bis er  gegangen wurde. Und im Auftrag der grünen Bundestagsabgeordneten Ulrike Höfken wurde eine Studie zum Thema erstellt. Du hast ja selbst mitbekommen, wie die Gen-Mafia auf fundierte Kritik wie Deine Broschüre „Organisierte Unverantwortlichkeit“ reagiert, man wollte Dich per Gerichtsurteil zum Schweigen bringen. Erzähl doch mal, wie man das versucht hat!

JB: Dazu muss ich etwas ausholen, denn ich wurde auf Unterlassung verklagt, weil ich die Machenschaften der Gen-Branche öffentlich kritisiere. Kläger war neben Kerstin Schmidt auch Uwe Schrader. Der sitzt für die FDP im Landtag von Sachsen-Anhalt und ist nebenbei Vorsitzender von Innoplanta e.V..  Innoplanta wurde mit 20 Mio. Euro Bundeszuschüssen gegründet.  Offizielles Ziel war dabei, die Zusammenarbeit der Akteure in der „grünen Gentechnik“ zu optimieren.

Gründungsvorsitzender von Innoplanta war Thomas Leimbach, der heute ironischerweise Chef der Überwachungsbehörde ist, angeblich also Innoplanta und Umfeld-GentechnikerInnen beaufsichtigt. Naja, auf dem Papier tut er das. Schrader war früher Chef der Finanzierungs-GmbH sachsen-anhaltinischer Gentechnik  der BioRegion Halle-Leipzig.

Bei Innoplanta kommen alle Protagonisten der Gen-Branche zusammen. Mitglieder sind Politiker, Vertreter kleiner und großer Konzerne, regionale Wirtschaftsförderung, Bauernverband, ein Mitarbeiter des Julius-Kühne-Institus. Also ein Lobbyistenverein und gelebte Seilschaft, gegründet mit 20 Millionen aus der Bundeskasse!

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ML: Okay, wer sowas öffentlich macht, der gehört natürlich zum Schweigen gebracht! Solche Zusammenhänge bringen ja unnötige Unruhe ins Volk, das am Ende noch glaubt, der Staat sei ein Selbstbedienungsladen für jeden, der gute Kontakte hat und die richtigen Tricks kennt! Wie hat man bei Dir versucht, Dich zum Schweigen zu bringen?

JB: Der Prozess vorm Landgericht Saarbrücken war eine Farce. Wer das detailliert nachlesen will –  es steht ausführlich in meinem Buch. Das kann man kaufen oder auf projektwerkstatt.de als pdf herunterladen. In aller Kürze kann man sagen, dass die erste Instanz vor dem Landgericht ohne Beweiserhebung ein vorgefertigtes Urteil verhängte. Ich hatte dann das Glück, dass meine Veröffentlichungen in meiner Berufung vor dem Oberlandesgericht auch tatsächlich geprüft wurden. Meine Verurteilung aus erster Instanz wurde als „abwegig“ bezeichnet, die von mir verbreiteten, vor Gericht angegriffenen Behauptungen seien sorgfältig recherchierte Fakten.

Anwalt der Gegenseite war übrigens Stefan Kropf. Der ist Partner in der Saarbrücker Kanzlei des ehemaligen saarländischen und später sachsen-anhaltinischen Wirtschaftsministers Rehberger. Der war als Minister ein Förderer der „grünen Gentechnik“ und ist heute gleichzeitig Beiratschef bei Innoplanta und, wie der Zufall es will, auch noch stellvertretender Richter am Verfassungsgerichtshof des Saarlandes. Ein Hundsfott, der der sich etwas Böses dabei denkt!

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ML: Ich kenne all das, was Du mir erzählst, nur zu gut aus dem Bereich Pharma. Vielleicht gehören beide Branchen ja auch zusammen, denn die belegten gesundheitlichen Auswirkungen von gv-Pflanzen sorgen ja für eine gute Kundenbindung der Verbraucher an das pharma-dominierte „Gesundheitssystem“. Was Du mir bis jetzt erzählt hast, bringt mich  auf den Gedanken, es in Zukunft besser mit Lichtnahrung auszuprobieren.

Ich möchte jetzt langsam zum Ende kommen und dabei einen Ausblick auf die politische Landschaft wagen. Die Grünen sind ja gerade ziemlich in, die Menschen halten sie für sehr glaubwürdig in Umweltfragen. Ich bin da etwas kritisch, denn beispielsweise der Parteichef Cem Özdemir ist ja Mitglied im Pro-USA-Club Atlantikbrücke. 2002 wählte ihn das World Economic Forum gar zum „Global Leader of Tomorrow“, zum globalen Führer der Zukunft.  Und als wäre das nicht genug, war er 2009 auch noch auf dem Bilderberger-Treffen in Griechenland. Was hältst Du von den Grünen?

JB: Es wird sicherlich interessant, sie auch in Zukunft beim Spagat zwischen Parteiprogramm und Realpolitik zu beobachten. Da werden wir dann sehen, wie biegsam und flexibel sie sind. Nehmen wir nur mal das grüne Parteiprogramm. Da steht drin, dass sie keine Gentechnik wollen, weder auf dem Acker, noch auf dem Teller. Nun war es aber die grüne Renate Künast, die als BMELV die Gen-Seilschaften ungestört weiterarbeiten ließ. Ihr Ministerium hat direkt in die Agro-Gentechnik investiert, ihr Ministerium hat selbst Genfelder angelegt.

Legendär war auch der Austausch zwischen Mitarbeitern von Ministerien und der Industrie unter Kanzler Schröder.  BASF und BAYER durften damals ihre Kohorten ins Umwelt- und Forschungsministerium schicken. Die heutigen Eliten der Gesellschaft sind Vollstrecker der Interessen von Profit und Macht. Die Parteien unterscheiden sich ein wenig in den kulturellen Noten der Durchsetzung dieser Interessen – die einen mehr mit Polizeiknüppeln, die anderen eher auf die „sanfte“ Tour.

Manche Politiker oder Parteien kritisieren in der Opposition, was sie als Regierungspartei dann selbst machen. Die Grünen sind für den Glauben an den Sinn von Demokratie und Wahlen wichtig, weil sie den Unzufriedenen einen Scheinausweg anbieten. Dass Trittin die Atomkraft abgesichtert und den Protest gegen den Castor diffamiert hat, das Künast Genfelder hat durchwinken und anlegen lassen und Joschka Fischer Angriffskriege organisiert hat, wird verdrängt, um nicht aus der eigenen Verblödung aufzuwachen. Schlechter als die anderen sind die Grünen damit natürlich nicht, aber ihre Existenz ist für die Beruhigung des Bildungsbürgertums so wichtig wie die Linke für die Aufstandsverhinderung in verarmten Schichten.

ML: So gesehen sind die Grünen so glaubwürdig, wie es eine Selbsthilfegruppe für Menschen wäre, die in der DDR von ihren Anwälten ausspioniert wurden, wenn Gregor Gysi Gründungsmitglied dieser Selbsthilfegruppe ist! Was muss passieren, damit die Welt nicht den Bach runtergeht?

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JB: Wir müssen die Macht, die wir Politik und Verwaltungen übergeben haben und die von denen zu Teilen an die Großkonzerne weitergereicht wurde, wieder zu den Menschen zurückholen. Verweigerung, Aufbau von Alternativen, Subversion und gewaltfreie Sabotage sind – vor allem in einer inhaltlich gut vermittelten Mischung – geeignete Mittel.

Die Macht muss raus aus den Märkten und Parlamenten und zurück zu den Menschen. Und konkret: Ich bin ja Anhänger der Informationsguerilla. Man kann jeden Mist dazu bringen, sich gegen sich selbst zu richten. So ist beispielsweise jedes Wahlplakat dazu geeignet, durch kreative Veränderungen des ursprünglichen Plakates eigene Aussagen zu transportieren, damit es plötzlich mal etwas Wahrheit transportiert. Man darf bloß nicht daran glauben, dass sich das System selbst abschafft, denn das ist mit Sicherheit mit etwas Handarbeit seitens derjenigen verbunden, die Veränderungen wollen.

ML: Ich denke, wir leben in einer sehr dynamischen Zeit. Immer mehr Menschen kapieren, was hinter den Kulissen abläuft. Jetzt müssen die nur noch aktiv werden. Und schaun mer mal, was in Zukunft bei den Grünen passiert. Kann gut sein, dass die Oberen dort genau so korrupt sind, wie die anderer Parteien. Aber an der Basis kenne ich einige, die authentisch sind. Aber Du hast Recht, wir müssen die Macht zurück zu den Menschen holen. Und uns lokal organisieren für gute Projekte, die unsere Interessen durchsetzen.

Wahlen an sich ist ja absurd, man achte nur mal auf die Wortwahl, wie es Andreas Popp kürzlich in einem Vortrag beim Kongress der unabhängigen Medien gemacht hat: „Man gibt seine Stimme ab und übergibt sie der Urne“. Man verzichtet also darauf, seine Stimme zu erheben und übergibt sie einem Behälter für verstorbene Überreste. Wir müssen also unserer Stimmen erheben, uns selbst organisieren und darauf achten, dass wir dabei nicht von Parteien oder dubiosen Vereinen vereinnahmt werden.


Bild- und Grafikquellen:

1. Aktivist Jörg BergstedtFoto: Marie-Luise Volk, Gamlen > esgehtanders.de Gentechnik_Gentechnikkritik_Agro_Monsanto_auf_deutsch_Umweltinstitut_Muenchen

2. Polizeiaufgebot vor dem Gerichtsgebäute in Gießen. Dieser Trupp wurde eingesetzt, um den Begleitzug von Jörg Berstedt von der Innenstadt Gießen zum Landgericht zu begleiten. Völlig überzogen – sie wollten uns nur als eine „gefährliche“ Meute hinstellen, obwohl sie doch schon bei der Demo in der Innenstadt feststellen konnten, dass wir alle friedlich waren. So demonstriert man Staatsmacht. Foto: Marie-Luise Volk, Gamlen > esgehtanders.de

3. Gentechnikfreies Camp der Initiative Gendreck: der Widerstand wächst. Foto: Hanno Böck Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk wurde von seinem Urheber Hanno Böck als gemeinfrei veröffentlicht. Dies gilt weltweit.

4. Aktivisten bei einer „Feldbefreiung“. Der Begriff Feldbefreiung bezeichnet unter Umweltaktivisten euphemistisch die zielgerichtete Zerstörung von Feldern mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Juristisch betrachtet erfüllt eine Feldbefreiung den Straftatbestand der Sachbeschädigung und jedenfalls bei umzäunten Feldern auch des Hausfriedensbruchs. Die Aktivisten halten das Ausreißen gentechnisch veränderter Pflanzen auf Grund möglicher Gefahren für Gesundheit und Umwelt jedoch für legitim. Einige Aktionen werden vorher öffentlich angekündigt und die Teilnehmer nehmen eventuelle Strafen bewusst in Kauf. In den letzten Jahren gab es jedoch auch in Deutschland vermehrt heimliche Feldbefreiungen. Foto: Jean-Marc Desfilhes Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 1.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert

5. „Gen-Kartoffeln kommen uns nicht in die Tüte“ Foto: Umweltinstitut München e.V., Verein zur Erforschung und Verminderung der Umweltbelastung > Webseite

6. Buchcover „Monsanto auf Deutsch“. Das Buch ist im SeitenHieb-Verlag erschienen und kann über den Buchhandel, den Verlag und in der Projektwerkstatt, Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen (www.aktionsversand.de.vu) bezogen werden. Eine weitere Informationsseite mit Downloadmöglichkeit der Kapitel als PDF (Bilder niedrig auflösend) findet sich unter www.projektwerkstatt.de/gen/buch, zudem ist über www.biotech-seilschaften.de.vu ein Internetbereich zum Thema zu erreichen.

7. MonsantoD-Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.de

8.  Lobbykraft? NEIN DANKE. Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.de

9.  Monsanto-Mais 1507 bildet extrem viel Bt-Toxin im Pollen, der um ein vielfaches höher ist, als beim Monsanto-Mais (MON) 810. Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.de

10. Bergstedt-Sympatisanten im Kreise weiterer Agrogen-Kritiker vor dem Landgericht Saarbrücken. Foto: Marie-Luise Volk, Gamlen > esgehtanders.de

11. Transparent „Gentec-Konzerne + Wissenschaft + Politik u. Verwaltung = organisierte Unverantwortlichkeit.“ Foto: Marie-Luise Volk, Gamlen > esgehtanders.de


Umweltinstitut München e.V.

Verein zur Erforschung und Verminderung der Umweltbelastung

Landwehrstr. 64 a
80336 München

Tel.: (089) 30 77 49-0
Fax: (089) 30 77 49-20
E-Mail: info@umweltinstitut.org

www.umweltinstitut.org

Anhang Größe
Gentechnik-Manipuliertes Leben_24 seitige Broschuere des Umweltinstituts Muenchen e.V. – update Juni 2013.pdf 3.4 MB
Genpflanzen ausser Kontrolle – Faltblatt Umweltinstitut München.pdf 327.92 KB
Gentechnik – Wir wissen nicht was wir tun, aber wir fangen schon mal an – Faltblatt Umweltinstitut München.pdf 305.04 KB
Gensoja in Fleisch und Milch – Verbraucher im Dunkeln – Faltblatt Umweltinstitut München.pdf 309.55 KB

 

(Angesehen 110 mal, 1 Besuche heute)

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